Christina Genova

Stadtgeschichten aus St.Gallen

Christina Genova header image 2

Elisabeth Steiger, 73 Jahre, Rentnerin

September 1st, 2009 · No Comments · Saiten

Elisabeth Steiger, 73 Jahre, Rentnerin, hörte schon früh von ihrer Mutter, sie dürfe nur das kaufen, was sie auch bar bezahlen könne. Sie arbeitete ihr Leben lang und fände es am schlimmsten, wenn sie ein Pflegefall und auf andere angewiesen sein würde.

Seit 44 Jahren wohne ich im Heiligkreuzquartier in St.Gallen. Fünf Buben haben wir in dieser Vierzimmerwohnung grossgezogen. Der Älteste war dreieinhalb, als die Zwillinge kamen. Ich wuchs selbst in einer grossen Familie auf. Heute verwerfen sie die Hände ja bereits wegen zwei. Wir waren sechzehn Geschwister: elf Brüder und vier Schwestern. Ich war das elfte Kind und wurde 1936 geboren. Arbeit und Essen hatten wir immer genug. Spielsachen gab es fast keine. Zu Weihnachten bekamen wir von Gotte und Götti ein Paar Socken oder Schuhe geschenkt. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was wir uns wünschten. Man war wohl mit dem zufrieden, was man hatte. Es war für uns das Grösste, wenn wir an unserem Namenstag selber Spiegeleier braten durften und eine halbe Tafel Schokolade bekamen. Mittlerweile werden Geburtstagspartys für Einjährige organisiert und in der Zeitung Glückwünsche gedruckt.

Unsere Mutter sagte fast täglich: «Kaufe nur das, was du bar bezahlen kannst.» Der Vater war während zwanzig Sommer Senn und bekam den Zahltag erst im Spätherbst. Unsere Mutter liess aber nie etwas anschreiben, weil sie sich dafür geschämt hätte. Wenn sie kein Geld hatte, brachte sie dem Bäcker Eier fürs Brot vorbei.

Nach der Sekundarschule arbeitete ich ein Jahr lang als Stallknecht zuhause. Danach musste ich wie meine drei Schwestern in der «Viscosi» arbeiten. Die Viscosuisse produzierte in Widnau Kunstseide. Drei Tage lang hatte ich nichts gegessen, ich wollte nicht dorthin, aber ich hatte keine Wahl. Bis auf einen Fünfliber Sackgeld mussten wir den ganzen Zahltag abgeben. Wir arbeiteten im Akkord. Wenn wir gute Ware hatten, verdienten wir 180 Franken in zwei Wochen.

Der Vater musste dazumal bezahlen, damit die Buben eine Lehre absolvieren konnten. Zu uns hat er gesagt: «Lernt, den Haushalt zu machen, ihr heiratet ja sowieso.» Wir wurden gar nicht gefragt. Ich wäre gerne Köchin oder Damenschneiderin geworden. Ich war lange wütend auf meinen Vater. Aber sein Wort war das Evangelium, maulen konnte man, wenn er es nicht hörte. Zweieinhalb Jahre lang arbeitete ich in der Viscosi. Dann suchte der Schwager in Altstätten eine Serviertochter, die hatten ein Restaurant und einen Landwirtschaftsbetrieb. Nach einem Jahr lernte ich meinen Mann kennen, 1957 haben wir geheiratet.

Als Rangierarbeiter bei den SBB verdiente mein Mann damals 250 Franken. Wir konnten keine grossen Sprünge machen. Ich war schon ziemlich blöd: Wenn ich etwas für den Haushalt oder die Wohnung brauchte, habe ich nie zu meinem Mann gesagt: «Ich muss Geld haben.» – Ich bin immer arbeiten gegangen. Ich ging putzen und habe zirka acht Jahre lang bei Mothercare gearbeitet, einem Kindermodegeschäft. Als ich dort anfing, waren unsere Jüngsten neun Jahre alt. Ich habe trotz der Familie fünf bis sechs Tage pro Woche gearbeitet. Die Kinder mussten viel selber machen. In der vierten Klasse musste jeder selber ein Mittagessen kochen können. Meistens blieben Ende Monat gerade mal fünf oder zehn Franken übrig. Wenn das Geld nicht reichte, ging ich halt einen Tag lang putzen. Ich hätte mich geschämt, wenn ich irgendwo um Geld hätte bitten müssen. Der Jüngste sagte einmal: «Die grosse Krankheit der Mutter ist es, ja nie ‹froh tun› zu müssen.»

Ich hatte nie das Gefühl, arm zu sein. Wir mussten halt einteilen, aber es hat immer gereicht. Meine Buben bekamen ein kleines Sackgeld, sie hatten Spielsachen, manche davon konnten wir an die Grosskinder weitergeben. Sie mussten Sorge tragen. Ein Velo wurde am Abend im Keller versorgt. Heute liegen Velos und Bälle draussen herum, als ob sie nichts kosten würden.

Finanziell wurde es erst besser, als die Kinder aus dem Gröbsten raus waren. Ich fing an, zu reisen. Der Älteste war bei der Swissair, so konnten wir günstig fliegen. Der Zweitälteste arbeitet als Koch im Ausland. Wir haben ihn in der Karibik besucht, wo er eine Zeitlang arbeitete, vor zwei Jahren waren wir bei ihm in Malaysia. Ich hätte es mir nie träumen lassen, so viel von der Welt zu sehen.

Ich muss heute nicht mehr auf jeden Fünfer schauen. Das Geld zum Fenster rauswerfen kann ich nicht, das ist klar. Aber ich bin zufrieden. Ich sage immer: «Wenn du schnell zufrieden bist, geht es dir schnell gut.» Ich habe draussen beim Espenmoos einen Schrebergarten. Ich lade Leute zum Bräteln ein und wir haben es schön zusammen. Da reut mich nichts. Ich bin nicht so viele Jahre arbeiten gegangen, um am Schluss wieder mit sparen anzufangen. Wovon ich träume? Ich möchte mit dem Hurtigruten-Postschiff von Bergen ans Nordkap. Nächstes Jahr klappt es vielleicht. Dann kommt hoffentlich meine Schwester mit. Wir haben einen Bruder in Oslo, den haben wir bereits vor drei Jahren besucht.

Wenn ich weniger Geld hätte, würde ich mich einfach nach der Decke strecken. Viel schlimmer wärs für mich, auf andere angewiesen zu sein; ein Pflegefall zu werden, das wäre das Schlimmste für mich.

Erschienen in Saiten 09/09

Tags: