Christina Genova

Stadtgeschichten aus St.Gallen

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Vom Copy-Shop in die Kunstgalerie

Mai 19th, 2009 · No Comments · St.Galler Tagblatt

Die St. Galler Künstlerin Verena Staggl reisst Bilder aus ihrem ursprünglichen Kontext und stellt sie in einen neuen Zusammenhang. Noch bis Ende Woche sind ihre Werke in der Galerie Margrit Oertli zu sehen.

Von Christina Genova

Eine Frau übt sich im «Stühlewerfen». Sie schleudert einen Stuhl in Richtung einer Reihe akkurat aufgestellter Polstersessel und sabotiert mit diesem subversiven Akt die sorgfältig errichtete Ordnung. Verena Staggl hat diese verblüffende Bildmontage geschaffen. Für ihre «Strukturbilder» verwendet die Künstlerin eine besondere Technik: Im Copy-Shop kopiert sie Bilder auf die passende Grösse und reibt die Kopien mit Nitroverdünner auf Seidenpapier ab. Das Rohmaterial dazu findet die St. Gallerin mit italienischen Wurzeln zum Beispiel in Zeitungen und Zeitschriften.

Die Stuhlwerferin sah sie auf der Ankündigung für eine Theateraufführung in Lissabon.

Verena Staggl «reisst» die Bilder aus ihrem ursprünglichen Kontext und stellt sie in einen neuen Zusammenhang. Bevor sie die Abriebe der Bilder weiterverwendet, schafft sie einen dazupassenden Hintergrund. Auf dickes Aquarellpapier trägt sie mit blossen Händen mehrere Schichten Ölfarbe, Acryl und Graphit auf, bis sie den perfekten Farbton erzielt, ein Prozess, der manchmal Monate dauert.

Dann erst wird das abgeriebene Bild eingepasst. Mit ihrem Gespür für Bildkomposition und Ästhetik gelingt es Verena Staggl, ein Bild im Bild zu erschaffen.

«Ich übersetze noch immer»
Die Künstlerin ist ausgebildete Übersetzerin und arbeitet seit zehn Jahren als Kunsttherapeutin mit eigener Praxis in St. Gallen. Über sich und ihr künstlerisches Schaffen sagt sie: «Ich übersetze noch immer. Anders. Nicht Wörter, sondern Farben, Schichten, Strukturen.»

In Verena Staggls Werken ist häufig ein besonderer Moment eingefangen, dessen Einzigartigkeit die Künstlerin durch ihre Inszenierung hervorhebt. Kinder tanzen Ringelreihen, ein Bub spring ins azurblaue Meer. «Malen ist für mich nicht nur Auseinandersetzung und Suche, sondern vor allem auch die Möglichkeit von Begegnung mit Menschen und meinem eigenen Menschsein, in all der Vielschichtigkeit», sagt die Künstlerin.

Sie wirft ein Schlaglicht auf Augenblicke voll inniger Sinnlichkeit, auch in ihrer «asiatischen» Serie. Eine traditionell gekleidete Japanerin ist ganz «bei sich», den Kopf zwischen den Beinen, konzentriert. Eine andere lässt sich mit geschlossenen Augen die Augenbrauen schminken – «Liebe malen» heisst das Bild.

Vervielfältigte Parkbänke
Als Stillleben hingegen könnte man jene Arbeiten bezeichnen, auf welchen ein einzelner Gegenstand im Zentrum steht – eine Flasche, ein Apfel, eine Feder.

Manchmal vervielfältigt sie dasselbe Objekt gleich mehrmals und verstärkt so dessen Wirkung, wie in der Serie «Uova – Eier» oder bei der Anordnung von verlassenen Parkbänken, die eine leise Melancholie verströmt.

Bis So, 24.5., Galerie Margrit Oertli, Mühlensteg 3, St. Gallen

Erschienen im St. Galler Tagblatt am 19.05.2009

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