Christina Genova

Stadtgeschichten aus St.Gallen

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Tragbare Kunst

Februar 12th, 2009 · No Comments · St.Galler Tagblatt

Im Jugendkulturraum Flon ist am Samstag eine Ausstellung eröffnet worden, die Modekreationen von acht jungen St. Gallerinnen und St. Gallern präsentiert.

Von Christina Genova

Jungen Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform zu bieten hat im Flon unter dem Label «Junge Kunst» fast schon Tradition. Was bis anhin jedoch fehlte, war eine Möglichkeit für Jungdesigner, ihre tragbaren Kreationen zu zeigen. Deshalb suchte und fand die Initiantin des Projekts, Lisa Lanker vom Jugendsekretariat, per Ausschreibung acht junge St. Gallerinnen und St. Galler, die mit ihren Kreationen den Schritt aus dem stillen (Näh-)Kämmerlein an die Öffentlichkeit wagen wollten.

(Noch) keine Profis
Keine beziehungsweise keiner der jungen Kreativen besitzt eine professionelle Ausbildung im Modebereich. Sie haben sich das entsprechende Know-how grösstenteils selbst angeeignet. Ihre Kreationen sind als ein Stück Individualität im Modeeinheitsbrei zu verstehen. Deshalb steht auch nicht der kommerzielle Gedanke im Vordergrund, obwohl alle Kleidungsstücke käuflich zu erwerben sind. Alle Jugendlichen waren an den Vorbereitungen zur Ausstellung mitbeteiligt. So stammt das schlichte, aber bestechende Raumkonzept von der angehenden Dekorationsgestalterin Lydia Camenisch, die den Raum mit fächer-, beziehungsweise netzartig gespannten Schnüren geschickt unterteilt hat.

Vom Nähvirus infiziert
Eines der jungen Talente, die ihre selbstgenähten Entwürfe im Flon zeigen, ist der 19 Jahre alte Armando Forlin aus Trogen, der die pädagogische Maturitätsschule in Kreuzlingen besucht. Bis vor einem Jahr hatte er mit der Mode noch gar nichts am Hut – bis er vergeblich nach einem passenden Wintermantel suchte. Das Bild davon hatte er im Kopf, seine Mutter, Damenschneiderin von Beruf, half ihm bei der Umsetzung. Seitdem sitzt er – vom Nähvirus infiziert – in jeder freien Minute an der Nähmaschine. Eine Vorliebe hat Armando für besondere Stoffe. Zu Weihnachten liess er sich deshalb einen sündhaft teuren Haute Couture Stoff schenken. Zu seinen Kreationen gehört ein schicker grauer Anzug mit eingewobenem Punktemuster, ein schwarzer Blouson aus knisterndem Stoff mit interessantem Innenleben und ein süsses Hängerkleidchen, bedruckt mit verspielten Kleinmädchenmotiven.

«Gegen den Mainstream»
Sara Burkhard, 23 Jahre, aus St. Gallen, ist eine dieser jungen Kreativen, die auf vielen Hochzeiten tanzt. Sie arbeitete als Journalistin, managt lokale Musikgruppen und absolviert zurzeit einen Sprachaufenthalt in Schweden. Individualität ist ihr wichtig, ihre Kreationen präsentiert sie unter dem Motto «mit Nadel und Faden gegen den Mainstream». Die modebewusste junge Frau wird ab dem 1. März über einen Online-Store bei etsy.com eine kleine Kollektion zum Verkauf anbieten. Einen ersten Verkaufserfolg konnte sie bereits verbuchen. Auf dem Weg zur Ausstellung im Flon, einen Haufen Kleider im Arm, sprach sie ein junger Mann an und kaufte ihr einen selbstgestrickten Schal von der Strasse weg ab. Saras Kleider sind taillenbetont, die bauschigen Röcke Tüll besetzt. Es dominieren Grautöne ergänzt mit neonfarbenen Akzenten. Die Accessoires sind perfekt auf die Kleider abgestimmt, darunter sind Taschen und selbstgestrickter Halsschmuck.

Hochtrabende Träume von der grossen Karriere in der Modebranche sind bei den jungen Erwachsenen keine auszumachen. Sie wirken in Bezug auf die Möglichkeiten, im Modebusiness Fuss zu fassen, erstaunlich realistisch. Keiner hat zumindest in naher Zukunft vor, alle Karten auf die Mode zu setzen. Das Niveau der ausgestellten Modekreationen ist fast durchwegs beachtlich. Man findet Kleider, Gürtel, Schmuck, Taschen, T-Shirts und Schals von den weiteren jungen Beteiligten Nadine Wehrli, Sebastian Marbacher, Cécile Andrea Wirth, Mischa Herzog und Marina Melnychuk. Um kreativen Nachwuchs muss dass textile St. Gallen gewiss nicht besorgt sein.

Jugendkulturraum Flon, Lagerhaus, St. Gallen, morgen Mi und Do 5.2., 18–20 Uhr sowie letztmals Fr 6.2., 17–20 Uhr; Eintritt frei

Erschienen im St. Galler Tagblatt am 03.02.2009

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