Christina Genova

Stadtgeschichten aus St.Gallen

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Auf der Spur nach sich selbst

Mai 26th, 2008 · No Comments · St.Galler Tagblatt

In der Galerie bei Kultur im Bahnhof sind Bilder der Künstlerin Elvira Disler zu sehen
St. Gallen. Die St. Galler Künstlerin Elvira Disler spielt Fussball. Ihre gemalten Szenen vom Spielfeld sind voller Spannung, Dynamik und Energie.

Zwei rote Nelken liegen auf einem einfachen Holztisch. Daneben steht ein mit wenig Wasser gefülltes Emailbecken, über dessen Rand eine weisse Perlenkette hängt. Im Hintergrund erkennt man ein hübsches, goldverziertes Wasserglas, am unteren rechten Bildrand ein Stück senfgelbe Decke. Zeitlos, klassisch und doch modern wirkt das Arrangement auf der Einladungskarte zur zweiten Einzelausstellung von Elvira Disler bei Kultur im Bahnhof. Jeden dieser Gegenstände hätte man auch auf dem Gemälde eines Stillleben-Malers des 17. oder 18. Jahrhunderts finden können. Mit dem Wissen um diese Tradition setzt die Künstlerin die altbekannten Requisiten auf subtile Weise neu in Szene und wählt eine eigene Perspektive der Betrachtung. Schon seit längerem hat die Künstlerin sich den klassischen Gattungen der Malerei – Stillleben, Porträt und Landschaft – zugewandt, die sie behutsam neu zu interpretieren versucht.

Nicht, dass sie die abstrakte Malerei nicht ausprobiert hätte, das Malen aus dem Bauch heraus, dem die meisten ihrer Mitstudenten und Lehrer an der F + F-Schule in Zürich Ende der 80er-Jahre frönten.

Authentisch bleiben
Entschlossen aber ging die 1962 in St. Gallen geborene Künstlerin ihren eigenen Weg. Sie fühlte sich mehr von der gegenständlichen Malerei angezogen. Was sie faszinierte, war das genaue Hinschauen, die intensive Auseinandersetzung mit einem Gegenstand oder einem Menschen. Sie wechselte an die Ecole Nationale Supérieure des Beaux-Arts nach Paris. Dort war sie an der Quelle und hatte genügend Zeit, um die Klassiker zu studieren. Während vier Jahren hat sie fast täglich den Louvre besucht. Noch deutlicher wird ihre Weiterentwicklung des klassischen Stilllebens, wenn sie alltägliche Gebrauchsgegenstände – wie etwa ein leuchtend oranges Salatsieb oder einen gelbgrünen Putzschwamm – anordnet. Bisweilen überlässt sie das Arrangement auch dem Zufall. Motive findet sie in ihrem Alltag, häufig in der Küche.

Immer wieder malt sie auch Blumen. Keine exotischen Orchideen, sondern einen Strauss mit Löwenzahn oder eine blühende Artischocke. Es geht ihr darum, auch die einfachen Dinge ins rechte Licht zu rücken und sie in ihrer ganz eigenen Schönheit darzustellen. Dazu gehört die harmonische Anordnung der Gegenstände, die Wahl der passenden Farben und des Lichts. Elvira Disler arbeitet mit Gouache, Öl- und Aquarellfarben; weil sie keine dicken Farbschichten aufträgt, wirken ihre Bilder leicht und licht.

Die Künstlerin versucht, nicht nur dem Wesen der Dinge auf die Spur zu kommen, sondern auch dem der Menschen und nicht zuletzt sich selbst. Ein weiterer wichtiger Teil ihres Schaffens ist dem Porträt gewidmet. Sie malt die Menschen ihrer näheren Umgebung, Freundinnen, häufig ihren Vater und immer wieder sich selbst. Sie schont niemanden – oft wirken die Dargestellten verletzlich, nachdenklich, verloren. Denn das, was die Menschen von den Dingen unterscheidet, sind die Gefühle, die Stimmungen, die man in ihren Gesichtern lesen kann. Ihre Freundin Katja hat sie porträtiert, gerade nachdem ihr Freund sie verlassen hatte. Mit leerem Gesichtsausdruck sitzt sie da und umklammert haltsuchend ein grünes Kissen. Es zeugt von viel Vertrauen in die Künstlerin, sich in einer solchen Situation malen zu lassen.

Genauer Strich
Eine künstlerische Fingerübung hat sich Elvira Disler vor fünf Jahren erlaubt. Sie, die selber Fussball spielt, hat nach Fussballfotos aus Zeitungen etliche Bilder mit Fussballszenen gemalt. Fasziniert daran hat sie nicht nur die Thematik, sondern wiederum die Farbe und das Licht und natürlich auch, die Schönheit eines ganz besonderen Moments auf die Leinwand zu bannen. Elvira Disler ist auch eine passionierte Zeichnerin. Besonders bemerkenswert sind ihre Kugelschreiberzeichnungen. Korrekturen sind ausgeschlossen, jeder Strich muss sitzen. Das simple Zeichengerät reicht ihr aus, um ausdrucksstarke Porträts und Selbstporträts zu schaffen. Wiederum kommt ihr Talent zum Tragen, das Potenzial der einfachen Dinge zu erkennen und es auszuschöpfen.
Galerie der Klubschule im Bahnhof St. Gallen, bis 29. Juni

Erschienen im St. Galler Tagblatt am 26.05.2008

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