Christina Genova

Stadtgeschichten aus St.Gallen

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Fundstücke und Figuren

April 5th, 2008 · No Comments · St.Galler Tagblatt

Die Ausstellung «Liegengebliebenes – Beachtet» in der Galerie Werkart
St. Gallen. Helen Fuchs-Wehrle und Karin Thür ist es gelungen, einen eigenen Stil zu finden. Dies zeigt die Ausstellung in der Werkart, die einen unbeirrten Weg in der künstlerischen Auseinandersetzung dokumentiert.

Natürlich ist es kein Zufall, dass gerade diese beiden Frauen, Karin Thür und Helen Fuchs-Wehrle, gemeinsam ausstellen. Zum einen gehört es zum Konzept der Galerie Werkart, vielversprechende Absolventinnen von Weiterbildungskursen der Schule für Gestaltung in St. Gallen für eine Ausstellung einzuladen. So geschehen mit Helen Fuchs-Wehrle. Es fehlte aber noch die zweite im Bunde – und da erinnerte sich Helen Fuchs an ihre um einige Jahre jüngere Kollegin Karin Thür.

Gegenseitige Wertschätzung
Auf den ersten Blick verbindet die beiden Frauen wenig. Karin Thür, die quirligere der beiden, liebt die Malerei ebenso wie das figürliche Gestalten. In der gemeinsamen Ausstellung «Liegengebliebenes – Beachtet» zeigt sie Zement-Figuren. Im Zentrum ihrer künstlerischen Auseinandersetzung steht das Wesen des Menschen und seine Beziehungen, die sie durch genaues Beobachten zu ergründen versucht.

Helen Fuchs-Wehrle, die ältere, bedächtigere, konzentriert sich auf die Malerei. Ihr liegt Liegengebliebenes am Herzen, das sie zu Objekten verarbeitet. Was die beiden Frauen hingegen verbindet, ist die Wertschätzung für die Arbeit der andern und die Ernsthaftigkeit, mit der sie Kunst schaffen.

Filz als Ausgangspunkt
Helen Fuchs-Wehrle verarbeitet Fundstücke, sorgfältig wählt sie die Bildträger aus. Sie schenkt ausrangierten Dingen neue Beachtung und erweckt sie zu neuem Leben. Verlebtes erhält durch die künstlerische Auseinandersetzung eine neue Geschichte. Aller Anfang ist bei ihr häufig ein Stück Filz. Auf den weichen Filzgrund trägt sie Schicht für Schicht Ausschnitte aus Zeitungen und immer wieder Seidenpapier auf, ein Material, das grosse Faszination auf sie ausübt. Manchmal sind ihre Objekte farbig, dann setzt sie auch Farbstifte und Acrylfarbe ein. Ein andermal interessieren sie die Effekte, die sie allein mit scheinbar farblosem Seidenpapier erzielen kann. «Lehnen» nennt sie eine Serie von Objekten. Es sind ausgediente Stuhllehnen, an die sich Generationen von Schülern gelehnt haben. Wie Schutzschilde wirken sie oder wie die Schulterblätter eines Fabelwesens.

Die schützende Wölbung der Lehne birgt Herausforderungen. Es gilt, die Form und ihre Möglichkeiten zu erspüren, um mit Ausdauer darauf die eigene Handschrift zu hinterlassen, ohne sich dem Zufälligen zu verschliessen, denn vor allem Seidenpapier ist sehr unberechenbar in der Verarbeitung.

Von Nägeln des Lebens
Auch Karin Thür hat Freude an Fundstücken, setzt diese aber anders ein als ihre Kollegin. Für sie sind sie Mittel zum Zweck und dienen dazu, ihre Zement-Figuren in Szene zu setzen. Für ihre Arbeit «Nagel-Pflege» hat sie eine Frauenfigur auf einen angerosteten Schafwoll-Kamm gespiesst. Ein martialisches Bild, aber nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Nicht etwa ein bemitleidenswertes Geschöpf hat Karin Thür dargestellt, sondern im Gegenteil eine Frau, die unser Mitgefühl nicht verdient. Die Künstlerin hat wenig übrig für Frauen, die sich aufspiessen lassen von den Nägeln des Lebens, diese hegen und pflegen, bis sie der nächste Nagel trifft.

Dank des besonderen Charakters des Zements, dem Karin Thür seine Roheit lässt und sie nicht etwa zu zähmen versucht, erhalten ihre Figuren einen einzigartigen Ausdruck. Deshalb bemalt sie diese auch mit eher zurückhaltenden, gedeckten Farben, mit Ausnahme des gezielten Einsatzes der Farbe Rot. «Kopf-Los» – heisst die üppige, rote Frauenfigur. Ob sie vor Liebe entbrannt, den Kopf verloren hat, oder ob sie nur kopfloses Objekt der Begierde ist, bleibt der Interpretation des Betrachters überlassen.

So 13./20.4., So-Apéros ab 12 Uhr; Finissage am Sa 26.4., ab 14 Uhr, Galerie Werkart, Teufener Str. 75, St. Gallen

Erschienen im St. Galler Tagblatt am 05.04.2008

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