Christina Genova

Stadtgeschichten aus St.Gallen

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Warm, satt, sauber

Februar 3rd, 2007 · No Comments · St.Galler Tagblatt

«Am Ufer der Nacht» des Figurentheaters Fadegraad im Figurentheater St. Gallen
St. Gallen. Das Ensemble aus Winterthur führt mit seinem ersten Stück die bittere Realität in einem Alters- und Pflegeheim vor Augen. Ein Figurenspiel für Erwachsene auf hohem Niveau.

Trostlosigkeit prägt den Alltag im Seniorenzentrum «Sunnewiis», denn von Altersheim zu sprechen ist verpönt. Am alljährlichen Tag der offenen Tür windet sich der Heimleiter in seiner Begrüssungsrede sichtlich, um das Wort «alt» nicht in den Mund nehmen zu müssen. Lieber schwafelt er salbungsvoll von Psychogeriatrie und vom «effizienten Reaktivieren» der Pensionäre.

Im Heimalltag bleibt von dieser scheinbaren Sensibilität aber reichlich wenig übrig. Gleichgültigkeit prägt den Umgang des Personals mit den ihnen anvertrauten Menschen. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind apathisch und haben resigniert, jedes kleine Aufbegehren wird vom Heimpersonal unterdrückt. Ruhigstellen ist die Devise, denn so machen sie dem Personal am wenigsten Arbeit. Sie werden zwar versorgt nach dem Motto «warm, satt, sauber», aber für so etwas wie menschliche Zuwendung gibt es keinen Platz.

Charakterköpfe
Die Spielerinnen und Spieler – Ursula Bienz, Lisa Bienz, Dave Hefti und Jean-Pierre Gubler – sind bis auf Bienz, der Leiterin des Theaters im Waaghaus in Winterthur, alles Laien. Jean-Pierre Gubler hat sie zusammengetrommelt, nachdem er das Stück von Valérie Deronzier an einem südfranzösischen Puppenspielfestival gesehen hatte. Es hinterliess bei ihm einen so nachhaltigen Eindruck, dass er beschloss, es zur Aufführung zu bringen. Der Journalist hat nicht nur den Text bearbeitet und ins Schweizerdeutsche übersetzt, sondern ist auch der Schöpfer der beeindruckenden Tischpuppen. «Alte Säcke» sind es im wahrsten Sinne des Wortes, zu deren müden, schlaffen Körpern sich umso ausdrucksvollere Charakterköpfe gesellen. Sie wirken so lebendig, dass man glaubt, den einen oder anderen schon irgendwo gesehen zu haben.

Man spürt, dass hier einer ans Werk gegangen ist, der sich mit der Materie gründlich auseinander gesetzt und recherchiert hat. Jean-Pierre Gubler schöpft denn auch aus persönlichen Erfahrungen, die er ins Stück hat einfliessen lassen.

Eine Entdeckung
Immer wieder spürbar ist die Ohnmacht der Alten. Heimpersonal und Verwandte wirken allein schon durch ihre Grösse übermächtig, da sie von den Puppenspielern selbst dargestellt werden. Die Perspektive im Stück ist konsequent die der Alten. Am Pflege- und Betreuungspersonal wird kein gutes Haar gelassen. Auch die Angehörigen kommen schlecht weg. In einem eindrücklichen Dialog werden jedoch die Schuldgefühle angesprochen, mit denen diese zu kämpfen haben.

Traurig ist, dass unter diesen Umständen zwischen den Alten keinerlei Solidarität spielt, jeder ist sich selbst am nächsten. Erst am Tag der offenen Tür beginnt sich Widerstand zu regen: Die aufmüpfigste unter den Alten, Josette Kramer, hält sich nicht mehr an die Textvorgaben des Pflegepersonals zur Begrüssung der Gäste und beginnt unter Beifall, Shakespeare zu deklamieren.

Die Ad-hoc-Formation Fadegraad ist eine wahre Entdeckung. Sie bietet Figurentheater für Erwachsene auf hohen Niveau. Rabenschwarz werden die Zustände im Seniorenzentrum geschildert. Den Umgang mit dem heiklen Thema des Alters und seinen Begleiterscheinungen meistern sie gekonnt, nur gelegentlich sind gewisse Tendenzen zum Rührseligen zu beobachten. Es zu hoffen, dass es nicht bei dieser einen Produktion bleiben wird.

Weitere Aufführung heute Sa, Figurentheater, 20 Uhr

Erschienen im St. Galler Tagblatt am 03.02.2007

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