Christina Genova

Stadtgeschichten aus St.Gallen

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Herr der Puppen

Januar 30th, 2007 · No Comments · St.Galler Tagblatt

Gastspiel «Ds Grimm-Dings» im Figurentheater – Begegnung mit dem Figurenspieler Daniel Lempen
Daniel Lempen lebt seit vielen Jahren in England. Nun ist der Puppenspieler, der ursprünglich aus Grindelwald stammt, erstmals mit einem seiner Stücke zu Gast. Ein Porträt.

Nichts deutete am Anfang von Daniel Lempens beruflichem Werdegang darauf hin, dass er seinen Lebensunterhalt einmal mit Figurenspiel bestreiten würde. Aufgewachsen ist er als Pfarrerssohn in Grindelwald im Berner Oberland. Im Tourismusbüro absolvierte er eine grundsolide KV-Lehre. Erstaunlicherweise brachte ihn dies erstmals in Kontakt mit dem Puppenspiel.

Vom Hobby zum Profi
Der Lehrling führte für die Kinder der Feriengäste traditionelle Kasperlistücke auf. Anfang zwanzig reiste er für einen Sprachaufenthalt nach England – und wurde dort so richtig mit dem Puppenspielvirus infiziert. Ein Puppenspiel-Festival, das er unbedingt besuchen wollte, war zwar restlos ausverkauft; doch er verschaffte sich Zutritt, indem er sich als Kollege aus der Schweiz präsentierte. Er muss seine Spielkünste wohl so überzeugend beschrieben haben, dass ihm dies eine Einladung für das Festival im folgenden Jahr bescherte. Der junge Hobby-Figurenspieler packte seine Chance: Er nahm das Angebot an und bemühte sich gleich um weitere Auftrittsmöglichkeiten; er bekam siebzig Zusagen, ohne das Stück überhaupt geschrieben zu haben. Daniel Lempen beschloss darauf, das Handwerk professionell zu erlernen, und zwar an einer englischen Puppenspiel-Akademie. Dort lernte er seine zukünftige Frau Liz kennen; 1987 gründeten sie zusammen die «Lempen Puppet Theater Company». «Ds Grimm-Dings», sein erstes Stück, mit dem er im Figurentheater St. Gallen zu Gast ist, ist ihr sechzehntes Stück.

In Dörfern ein Ereignis
Mit den Stücken, die sie gemeinsam schreiben, gehen Liz und Daniel Lempen auf Tournee. Mittlerweile zwar nur noch selten zusammen, denn jeweils einer von ihnen bleibt zu Hause in Skipton, North Yorkshire, bei den Kindern. Dort haben sie 2005 auch zum ersten Mal ein eigenes Puppentheater-Festival auf die Beine gestellt, das dieses Jahr seine Fortsetzung finden wird.

Eigentliche Puppentheater gibt es in Grossbritannien kaum. Zu etwa zwei Dritteln führt Daniel Lempen seine Stücke im Rahmen des so genannten «rural touring» auf. Diese von Staat und Regionen gemeinsam finanzierte Institution bringt kulturelle Veranstaltungen in die kleinen Dörfer. Da kann es vorkommen, dass von vierhundert Einwohnern hundert die Aufführung besuchen.

Einige Stücke übersetzt und adaptiert Daniel Lempen fürs schweizerische und deutsche Publikum. Denn obwohl er seit über zwanzig Jahren in Grossbritannien lebt, kehrt er immer wieder gerne in seine Heimat zurück. Britische und schweizerische Kinder reagierten auf seine Stücke ganz ähnlich, sagt er. Der offensichtlichste Unterschied liege beim Schlussapplaus: Im Gegensatz zur Schweiz rufe man ihn in Grossbritannien nur äusserst selten durch Klatschen und Stampfen auf die Bühne zurück. Falls dies doch einmal geschehe, dann wisse er, dass ihm ein besonderes Glanzstück gelungen sei.

Grimm am Strand
Beim Spiel geht Daniel Lempen regelrecht in der Puppenwelt auf. Auch äusserlich gleichen ihm die ausdrucksvollen, von seiner Frau Liz geschaffenen Figuren. In «Ds Grimm-Dings» mimt er Peter Grimm, einen Nachfahren der Gebrüder Grimm, der am Strand ein erstaunliches Wesen findet. Es verführt ihn dazu, in die Märchenklassiker seiner Vorfahren etwas frischen Wind zu bringen. Diese fantasievolle Geschichte ist ein Plädoyer dafür, alte Denkmuster zu verlassen und Neues zu wagen, ohne mit der Tradition zu brechen.

Das von ihm entworfene, bezaubernde Bühnenbild ermöglicht es Daniel Lempen, mit wenigen Requisiten auszukommen. Eindrücklich führt er vor Augen, dass ein wahrer Puppenspieler ein Multitalent ist: Er singt, spielt, musiziert und wechselt die Stimme je nach Handpuppe, die er gerade führt.

Weitere Aufführung morgen Mi, Figurentheater St. Gallen, 14.30 Uhr, ab 6 Jahren

Erschienen im St. Galler Tagblatt am 20.01.2007

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