Christina Genova

Stadtgeschichten aus St.Gallen

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Zu wenig Tränen

November 10th, 2006 · No Comments · St.Galler Tagblatt

Italo-Pop in der Kellerbühne mit Roberto Guerra und Henrik Kairies
St. Gallen. «Ein Abend für die Freunde und Feinde des Italo-Pop» ist in der Kellerbühne angekündigt: Das erste Soloprogramm des in St. Gallen aufgewachsenen Schauspielers Roberto Guerra.

«Strappare una lacrima» – eine Träne entreissen – ist der Titel des
Programms des Schauspielers Roberto Guerra, das dem italienischen
Schlager gewidmet ist. Er interpretiert Lieder von «Dinosauriern» unter
den italienischen Cantautori, wie Adriano Celentano, Domenico Modugno
und Paolo Conte, die nicht nur Italiener schon mit der Muttermilch
aufgesogen haben. Wie soll man Ohrwürmern wie «Volare» oder «Azzurro»
gerecht werden, Klassikern, die jeder kennt und bei denen alle
mitträllern können? Sie gehören quasi zur italienischen Identität, sind
befrachtet mit zahlreichen Emotionen und Klischees.


Kampf mit den Säulenheiligen

Diese Schnulzen liebevoll auf die Schippe zu nehmen, ohne ihnen
ihren Zauber zu nehmen, ist ein hoher Anspruch. Die Gefahr, sich im Ton
zu vergreifen, ist gross. Roberto Guerra ist das Wagnis eingegangen.
Der junge Schauspieler mit italienischen Wurzeln kann schon auf diverse
Engagements in Theater, Film und Fernsehen zurückblicken und wohnt
mittlerweile in Berlin und Basel. Begleitet wird er vom deutschen
Pianisten Henrik Kairies. Kairies ist ein Typ und gibt sich so deutsch
wie er aussieht – eine wirklich glückliche Besetzung. Der Gegensatz zu
Roberto Guerra, der den gelackten italienischen Schönling im
elfenbeinfarbenen Anzug mimt, könnte nicht grösser sein. Die kurzen
Dialoge, die sich zwischen den beiden entspinnen, gehören mit zu den
Höhepunkten des Abends.

Bei der Auswahl der Canzoni hat Roberto Guerra gut entschieden und
bekanntere mit weniger bekannten Songs gemischt. Was hingegen deren
Interpretation betrifft, ist der Schauspieler über weite Strecken der
anderthalbstündigen Show überfordert. Um die Säulenheiligen des
italienischen Liedguts etwas von ihrem Sockel zu holen, gehört sicher
eine gewisse Portion Ironie dazu. Doch vergreift sich Roberto Guerra
dabei nicht selten im Mass. Seine Gestik erscheint häufig übertrieben,
und wenn er mit allzu rauchiger Stimme «sapore di sale» von Gino Pauli
singt, wirkt das zu aufgesetzt.


Kein Erzähltalent

Fast ebenso wichtig wie die Musik ist bei einem solchen Programm der
Kitt zwischen den einzelnen Liedern. Den roten Faden bilden bei Roberto
Guerra Geschichten um das Festival di San Remo, dem Sprungbrett für
eine Karriere im italienischen Musikbusiness. Dessen Fernsehübertragung
gehört neben derjenigen von «Miss Italia» zu den Strassenfegern in
Italien. Eigentlich könnte man meinen, dass so ein Festival eine Fülle
an Stoffen bietet. Leider erweisen sich die von Roberto Guerra
ausgewählten Anekdoten als eher dünn, und er selbst entpuppt sich nicht
gerade als Erzähltalent. Er versucht das Ganze noch mit zwei, drei
Seitenhieben auf Berlusconi und den Papst und einer schmalzigen
Geschichte um ein «Bretzelmädchen» aufzupeppen. Die erzielte Wirkung
ist aber mehr die von lauwarmem Kaffee als die von feurigem Espresso.

Erst gegen Ende des Abends schafft es Guerra, dass einem richtig
warm ums Herz wird: Der Funke springt über bei seiner Interpretation
von «Gloria» von Umberto Tozzi, und richtig in Form kommt Roberto
Guerra dann bei den Zugaben.

Schnulzen sind nun mal auch zum Schwelgen da – wird dies dem
Publikum durch zu viel Ironie aber weitgehend verweigert, kommt wenig
Stimmung auf.

Weitere Aufführungen: Heute Fr und morgen Sa, Kellerbühne, 20 Uhr

Erschienen im St. Galler Tagblatt am 10.11.2006

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