Christina Genova

Stadtgeschichten aus St.Gallen

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Gewichtige Frauen

Februar 13th, 2006 · No Comments · St.Galler Tagblatt

Die Frauenporträts von Ann Lee in den Räumen bei «Balance Netz»
Es sind Frauen, die nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen und denen Ann Lee mit Ironie Lebensläufe zuschreibt.

Nicht auf allen Bildern von Ann Lee sprengen ihre Frauen fast den Rahmen und laufen mit ihrer Körperfülle derart unverschämt aus dem Ruder, dass es einem angst und bange wird, um es mit dem Worten von Julia Onken zu sagen. Die Psychologin und Buchautorin gab als Gastrednerin an der Vernissage zur Ausstellung der Freiburger Künstlerin Ann Lee Launiges zum Thema «füllige Frauen» zum Besten.

Je fülliger, desto frecher
Die Bilder in den Räumen bei «Balance Netz» zeigen allesamt Frauen jenseits geltender (Schönheits-)Normen. Genauso wichtig, wenn nicht gar wichtiger als die üppigen Rundungen, sind aber die Geschichten, die dahinter stecken. Bild und Text bilden bei Ann Lee meist eine Einheit. Ihre Arbeiten sind denn auch zwischen Comic, Karikatur und bildender Kunst einzuordnen. Mit wenigen Worten, an den Bildrand gekritzelt, skizziert Ann Lee ganze Geschichten, gar Lebensentwürfe; dies ist eine der Stärken der Autodidaktin. Manchmal tut sie dies locker leicht, manchmal bitterböse oder tiefsinnig, aber nie ohne eine Spur Ironie. Bei ihr gilt die Regel: je fülliger, desto frecher. Die gewichtigen Weibsbilder halten sich ihre Verflossenen als Leichen im Keller und füttern sie ab und zu mit Apfelmus. Sie kommen zwar auch in die Jahre, scheren sich aber wenig darum und nehmen sich einen jungen Lover. Sie tun alles, was «frau» sonst nicht zu tun wagt.

Einsamkeit und Illusionen
Die Realität sieht jedoch anders aus: Es ist nicht so leicht, eine starke Frau zu sein. Das weiss die Künstlerin und zeigt auch die Kehrseite der Medaille: Das Zögern, das Zweifeln, die Einsamkeit, die Illusionen. Doch in Ann Lees Bildern kommt die Hoffnung auf eine Welt zum Ausdruck, in der Frauen weniger Umwege und Kompromisse in Kauf nehmen müssen, um ihre Ziele zu erreichen. Natürlich bedient die Künstlerin damit auch eine Nachfrage. Ihre Bilder sprechen Frauen in den besten Jahren an – die unter dem Vernissagepublikum gut vertreten waren. Und es ist sicher kein Zufall, dass Julia Onken mit ihren Büchern und Seminaren fast die gleiche Klientel bedient. Dies ist ganz im Sinne von Ann Lee, denn sie will, wie sie offen zugibt, von ihrer Kunst leben können. Deshalb ist sie auch bereit, sie zu vermarkten. Sie arbeitet gewissermassen zielgruppenorientiert und setzt auf Diversifizierung: Ihre Bilder werden auf Postkarten, Schürzen, Geschirr und vieles mehr gedruckt und sind in der Schweiz in über 400 Läden erhältlich. Berührungsängste zwischen Kunst und Kommerz kennt sie nicht und meint, dies sei wohl auf ihre amerikanischen Wurzeln zurückzuführen. Diese Ambivalenz zwischen Weltverbesserin und Marketingexpertin spiegelt sich in ihrer Widersprüchlichkeit auch in Ann Lees Frauenfiguren wider.

Bis 31.8.; Do/Fr 17-18 Uhr; Neugasse 43

Erschienen im St. Galler Tagblatt am 13.02.2006

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